Interview mit Charles Bahr, Gründer Tubeconnect

"Marken erreichen meine Generation nicht"

Charles, Du bist noch Schüler und trotzdem Berater mit eigener Agentur und Mitarbeitern – wie kommt das?
Das Ganze ist aus einen Projekt entstanden,das ich eher aus eigenem Interesse am Thema gestartet hatte.Zu dem Zeitpunkt habe ich Werbung einfach viel zu oft als nicht kreativ und eintönig und wirklich langweiligwahr genommen. Damit erreichen Marken meine Generation einfach nicht. Und das wollte ich ändern.

Du interessierst Dich für Werbung?
Ich mag gut erzählte Geschichten –und wenn coole Werbung Inhalte transportiert, darf es für mich auch Werbung sein. Von zehn Youtube-Videos, die ich ansehe, ist oft auch eines Werbecontent. Für mich zählt,dass er mich unterhält. Und das sieht meine Generation genauso. Das war für mich auch der Ansatzpunkt, um mit Werbetreibenden ins Gespräch zu kommen. Ich hatte das Gefühl, die kennen uns einfach nicht.

Das wolltest Du ändern? Dafür hätte sich auch ein Praktikum angeboten, oder?
Da werden ja die, für die eine Werbung gemacht wird, auch nicht eher gefragt, wie und ob das bei ihnen ankommt.Das war ja meine Kritik. Ich hatte das Gefühl, dass eben keiner die Generation Alpha fragt, was sie interessiert und wie sie Werbung annehmen oder mit wem sie sich identifizieren. Ein Praktikum reicht nicht dafür. Es wird viel zu viel von Annahmen ausgegangen, statt einfach mal zu fragen, wie eine Werbebotschaft ankommt oder was Jugendliche sehen wollen.

Ihr habt Euch also als eine Art Werbe-Kritiker angeboten?
Eigentlich eher als Berater, die versuchen, den meist älteren Mitarbeitern von Agenturen zu vermitteln, was Jugendliche heute so cool finden und wo und wie sie angesprochen werden können. Es geht mir darum zu vermitteln, welche kreativen Inhalte aus dem Alltag der Jugendlichen Agenturen nutzen können, um diese wirklich für ihre Message zu interessieren. Auf der anderen Seite hat sich daraus auch ein Vermittler-Job ergeben, bei dem wir über die Aufklärung und Beratung hinaus auch Partner vermitteln – also Marken und Youngfluencer zum Beispielzusammenbringen.

Und Björn Wenzel macht diese Verträge, weil Du nicht volljährig bist?
Als wir anfingen, haben das meine Eltern übernommen – es war ja auch nicht als eigenes Business gestartet. Björn Wenzel und ich sind uns eher zufällig begegnet. Nachdem wir ein ziemlich gutes Gespräch geführt hatten, bei dem es eben auch um die Zukunft der Influencer-Vermarktung ging, gab es dann das Angebot von Björn, ein freies Büro in seiner Agentur zu nutzen, statt uns weiter im Wohnzimmer oder Straßencafés zutreffen. Und wir hatten zu dem Zeitpunkt schon den Wunsch, irgendwie eine „richtige Firma“ sein zu wollen.

Herr Wenzel, das Angebot haben Sie sicher nicht einfach so gemacht ...
Wir sind ja selber in einem Bereich unterwegs, bei dem unsere Kunden althergebrachte Pfade verlassen und auf neue Kommunikations- und Werbewege setzen. Insofern war ich schon auf der Suche nach einem Kompetenzpartner. Die Ideen und der Austausch mit Charles und seinen jungen Mitstreitern sind für uns genauso hilfreich wie für Werbetreibende.Außerdem ergänzen wir uns mit dem Angebot ziemlich gut.

Darum sind Sie als Geschäftsführer bei Tubeconnect eingestiegen?
Ich bin seit November 2017auch als Gesellschafter beteiligt. Aber es ist immer noch Charles‘ Unternehmen, an dem er die Mehrheit hält, und das ist gut und richtig so. Mit dem Einstieg von Michael Schierhold als Investor, der auch der Investor hinter meiner Agentur Lucky Shareman ist, hat Charles das Stammkapital aufgestockt und damit mehr Seriosität für Unternehmen signalisiert. Und ich bin als angestellter geschäftsführender Mitgesellschafter daran interessiert, dass Tubeconnect sich so weiterentwickelt, wie es alle Partner in der Gesellschafterversammlung vereinbaren.

Wie sieht das konkret aus?
Charles ist mit Tubeconnect derjenige,der die Situationen analysiert und den Kunden sagt, wo es hakt und ihnen Ideen liefern kann. Beider Umsetzung sind die Ressourcen allerdings manchmal begrenzt, es sind eben viele Schüler, die in ihrer Freizeit mitarbeiten. Lucky Shareman kann an der Stelle oft als Auftragnehmer einsteigen, wenn Tubeconnect an seine Grenzen stößt. Aber wir sind auch nur einer von vielen, die nach Charles’ Beratung beauftragt werden können. Wir übernehmen nicht automatisch alles.

Entspricht die Firmenentwicklung Deiner Vorstellung, Charles?
Wie schon gesagt, am Anfang war es vor allem die Idee, als Vermittler für die Firmen aufzutreten. Ich habe aber festgestellt, dass es manchmal einen Übersetzer braucht, der den Marketern die jugendliche Sprache verständlich macht, weil sie vielleicht nicht verstehen, was wir meinen. Auch aus der Perspektive sehe ich die Zusammenarbeit sehr positiv. Schließlich läuft die Firma für mich eher nebenher, auch wenn ich auf viel Verständnis in der Schule stoße, falls mal ein Termin außerhalb der Ferien liegt und für mich wichtig ist. Insofern ist das bis jetzt eine ziemlich gute Entwicklung, die zu meinem Alltag passt.

Charles, Ihr könnt ja nur in Eurer Freizeit dazu beitragen, funktioniert das?
Ohne Mitarbeit der anderen ginge das gar nicht. Die Firma lebt davon, dass alles aus der Zielgruppe heraus gemacht wird. Ich selber bin auch gar nicht mehr bei allen Projekten voll dabei, dafür sind es schon zu viele geworden. Aber für mich ist der Austausch mit den Jüngeren extrem wichtig, darum lade ich auch gerne mal 10 bis 12-Jährige ein zum Reden. In erster Linie geht es mir darum, selber eben auf dem Laufenden zu bleiben, wa sbei den Jüngeren gerade so Trend ist.

Trefft Ihr Euch regelmäßig, wie organisiert Ihr die Zusammenarbeit?
Bevor wir das Büro hatten, habe ich gefühlt die halben Sommerferien in Straßencafés verbracht. Wir haben uns dort getroffen, zentral irgendwo in der Stadt, in Bahnhofsnähe. Einige Leute haben bis zu anderthalb Stunden Fahrtzeit, wenn die einmal die Woche kommen, war das einfach günstiger als bei mir zuhause. Auch jetzt kommt das schon noch mal vor. Ansonsten sind alle ja immer nur ein paar Stunden und an wechselnden Tagen dabei, das erfordert schon ein bisschen Koordination. Aber alles in allem klappt das bisher prima.

Wäre das anderswo auch so gelaufen,oder ist das „typisch Hamburg“?
Grundsätzlich ist die Idee ortsunabhängig und das Internet macht vieles möglich. Auf der anderen Seite ist es vielleicht einfacher gewesen, so ein Geschäftsmodell hier zu etablieren, in einer Stadt, die eh schon viele Agenturen beheimatet. Unsere Kunden sitzen längst nicht alle in Hamburg, auch da ist unsere Kundenzielgruppe flexibel und hängt sich nicht am Ort auf.

Und die jugendlichen Micro-Influencer, die sitzen doch auch nicht alle vor Ort?
Nein, das müssen sie ja auch nicht. Wir beraten ja die Unternehmen eher dahingehend, was grundsätzlich zu ihrer Marke passt und oder was nicht funktionieren wird, weil die Marke nicht den Bezug zur Generation hat. Wenn wir meinen, da gibt es jemanden, der dazu passt, dann läuft die Kooperation ja eh direkt und ist nicht von unserem Bürostandort abhängig. Viel wichtiger ist, dass sie ihr Ziel erreichen und den Hype im Ganzen abgreifen bei der Zielgruppe. Da ist es egal, wo der Influencer zuhause ist, Hauptsache, er erreicht die Generation und die Kampagne kommt an.

Wann wirst Du die nächste Generation nicht mehr verstehen?
Die nächste Generation ist ja schon da, die Generation Alpha. Deren grundsätzlicher Medienkonsum unterscheidet sich sicherlich schon wieder etwas von meinem. Aber im Vergleich zu meiner Generation und den Älteren wird das in fünf Jahren nicht so krass sein wie es sich aktuell für die Älteren darstellt. Und ich habe den Vorteil,dass ich das anders erlebe, weil ich selber damit aufwachse.

Trotz Charles Erklärungen gibt es noch immer 'zig Studien, die sagen, die 14- bis 25-Jährigen sind auf Facebook– die Realität sieht ganz anders aus, wie Charles weiß. Klar nutzen die ein Facebook-Profil – aber nur für den Messenger und den auch nur neben vielen anderen, in denen sie sich per Chat austauschen. Die sind auf Musicaly, Snapchat und so weiter– das sind doch heute alles Netzwerke, mit denen sich der typische Marketer nicht aus eigener Erfahrung auskennt.In ein paar Jahren wird es vielleicht andere geben – aber der radikale Wandel,wie wir ihn vor zehn Jahren erlebt haben, den sehe ich nicht.

Hätten Sie, statt bei Charles einzusteigen, das als Zweig in Ihrer Agentur aufbauen können?
Aus Sicht von Charles sind wir natürlich schon richtig alt. Und er hat nun mal das Netzwerk aufgebaut– wir sind so viel besser aufgestellt,als wenn Lucky Shareman das selbst aufgezogen hätte. Zumal das mit so vielen jugendlichen Mitarbeitern eh schwierig für uns wäre.

Es gibt schon wirklich viele coole alte Leute, die auch junge Formate machen können, ich meine, da finden sich echt so einige beispielsweise auf Youtube. Die 20- bis 30-jährigen Influencer werden von den Jugendlichen noch gemocht. Ich kennen genug, die mir das erzählen. Aber ich glaube auch, dass die Unternehmen mir gegenüber offener sind, als wenn ein anderer älterer versucht, ihnen zu erklären, wo die Zielgruppe sich gerade bewegt und was sie erfahren will. Da haben wir einen echten Altersvorteil.

Also ist doch alles nicht neu ...
Projekte machen auch andere, das Konzept ist nicht neu, aber eben trotzdem anders. Ich meine, Limonade hat auch früher schon jemand verkauft, aber heute funktioniert es eben anders. Als Jüngere gehen wir anders an Dinge heran. Wenn Marken offen sind, dann können wir so viele Veränderungen bewirken. Es kommt vor,dass Kreative in den Unternehmen auf Widerstände stoßen, wenn sie neue,andere Werbekanäle erschließen wollen. Und wenn das dann von uns kommt, hat das viel mehr Gewicht. Wir sind da eine echte Unterstützung.

Honoriert das der Markt?
Wer merkt, dass er statt teures Geld in Fernsehwerbung zu stecken mit anderen Kampagnen Jugendliche auf anderen Kanälen leichter erreicht und das auch zurückgespielt wird, der spürt das deutlich. Wir haben da schon was verändert. Tubeconnect und ich, wir werden schon ernst genommen.

Wie Charles sagt, es ist auch immer ein gutes Zeichen, wenn Kunden nicht nur einmal buchen, sondern wiederkommen. Da merkt man dann, dass es funktioniert. Das passiert schon und ich zähle das als ein Kriterium für den Erfolg.

Das Gespräch führte Susanne C. Steiger
Der Beitrag ist aus der aktuellen Printausgabe der ONEtoONE.