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SXSW 2016: Drei Souvenirs vom Gipfel der digitalen Welt

Auf die South by Southwest in Texas (USA) blickt momentan die komplette Kreativ- und Digitalszene

Bild: Tatyana KronbichlerMatthias TrickSouvenir 1: Storyflow vs. Clickflow. Digitale Geschichten sind flüchtig: Schneller weg, kaum dass man sie versteht!

Den ersten „Moment of Truth“ brachte mir ein kurzes Zitat von Amnon Buchbinder. Im Vortrag „Interactive Insights into the Biology of Story“ sagte er: „The click kills transcendency.“

Die Flüchtigkeit der Aufmerksamkeit beim Onlinekonsum ist Inhaltsschaffenden nur zu bekannt. Doch Buchbinder weist mit der fast lyrischen Pointierung des gefürchteten Moments, da der User wegklickt, auf den wesentlich dramatischeren Effekt hin, der eintritt, wenn dieser Klick lineare Content-Formate ereilt: Wegklicken durchtrennt die Storyline und killt ein ganzes Werk. Umso mehr müssen Storyteller beim Übergang vom analogen ins digitale Medium die Spannungsmomente im Plot beachten. Nur dann werden wir weitere Kapitel und weiterentwickelte Formate in Sachen digitalen Storytellings schreiben und zu sehen bekommen.

Als User sind wir schnell bei der Sache und schnell wieder weiter. Die Klickpfade unserer (User-)Story haben wir mit der Maus selbst in der Hand. Doch viel hängen bleibt bei uns oft nicht. Anders in Film und Musik: Der Künstler zwingt uns dranzubleiben und so Unbekanntes, Neues zu erleben – und beschert uns vielleicht einen Übergangsmoment der Transzendenz.

Buchbinder mahnt uns, im Geschwindigkeitsrausch der Datenautobahn nicht nur einer Climax entgegenzustreben, sondern mit vielen kleinen ‚Höhepunkten’ in Fahrt zu bleiben: Auf dass der Erzählfluss nicht abreißt und die Story zum Happy End kommt.

Souvenir 2: Digital Storytelling der Zukunft: Heute hohe Kunst einzelner Autoren – bald digitales Gemeingut und Gemeinschaftsproduktion der Blockchain.

Bis dato war „Writer’s Blockchain“ für mich ein Buzz aus der Blogosphäre. Ein SXSW-Panel, das mit Anne Greenberg, Robert Scoble und William Kendall hochkarätig besetzt war, brachte mir neue Erkenntnisse.

Schöpfer digitalen Contents, gleich ob von Bild, Text oder Film, setzen immer stärker auf die Bitcoin-basierte Technologie, um ihre Urheberrechte zu schützen. Denn per Blockchain lassen sich unerlaubte Vervielfältigungsprozesse des Inhalts eindeutig nachvollziehen und ahnden. Dieses Prinzip funktioniert auch umgekehrt: Urheber können Vervielfältigungsprozesse einfach steuern und jeden einzelnen ‚Vervielfältiger’ belohnen. Damit bringt Blockchain digitalen Künstlern neben Followern auch Millionen in harter Währung.

Das Panel war sich einig, dass dies ein Gewinn ist – vor allem an Kontrolle über die Verbreitung des eigenen Contents. Doch Blockchain bringt auch einen Kontrollverlust: Die Hoheit über Plot und Storyline liegt nicht länger beim Autor – und digital erzählte Stories drohen inhaltlich zu verarmen. Wenn Qualitätsverlust der Preis ist, um mit dem Erschaffen digitaler Inhalte reich zu werden, dann ist er zu hoch.

Souvenir 3:Manchmal führt eine Reihe weniger Zeichen zum Mega-Hack. Sieht man nur das, schnell auch mal zum Hau.

Als begeisterter TV-Anhänger versprach ich mir von einer Featured Session Großartiges: „Coding on Camera: Mr. Robot and Authenticity on TV“. Und Mr. Robot hielt sein Versprechen – oder vielmehr die Protagonisten der Session: Filmemacher Sam Esmail und die Hauptdarsteller der US-TV-Serie Rami Malek und Christian Slater. Sie führten das Publikum offen und ungeschminkt hinter die Kulissen – und in die verworrene Psychologie der Hauptfigur, des Hackers Elliot Anderson.

Die außergewöhnliche Leistung der Talkrunde war es, die für „Normalos“ nahezu unsichtbare Community der Hacker und Top-Coder aufs Podium zu holen. Repräsentiert durch den Hacker-Stereotyp Elliot Anderson stand dort eine bis heute unbeachtete und oft missachtete Subkultur unserer Gesellschaft mit all ihren Eigenarten und menschlichen Eigenschaften. Es war eine Freude zu sehen, dass diese Gruppe von Podium und Publikum mit offenen Armen, sehr sensibel und mit Interesse aufgenommen wurde. Das ist wichtig, denn für die digitale Zukunft brauchen wir sie vielleicht mehr, als viele von uns. Danke Mr. Robot, für diesen Massenhack!

Der Autor Matthias Trick ist Geschäftsführer der Agentur Compuccino