Leseverhalten

Rundruf: Print oder Digital?

Wann und wo unsere Leserinnen und Leser zum gedruckten Wort statt zum digitalen Screen greifen

Oliver Drost, Deepblue Networks, Hamburg
Mein Leseverhalten hat sich wieder deutlich verbessert – analog wie auch digital. Der Grund: Ich habe eingesehen, dass eine Lesebrille hilft. Zwar war mir schon länger aufgefallen, dass der leuchtende Screen eines Laptops, Tablets oder Smartphones mir lesefreundlicher erschien, hatte dies aber immer der Tatsache zugeordnet, dass ich nunmal in einer digital denkenden und arbeiteten Agentur in führender Position bin. Seit ich die Lesebrille besitze, erlebe ich eine Renaissance des Lesens in jeglicher Form, vor allem aber in der ursprünglichen. Bücher, Kinderbücher, Artikel in Magazinen, Zeitungen oder Präsentationen, alles kein Problem mehr. Sogar eine Bereicherung. Denn alles, was ich analog lese und durcharbeite, bleibt einfach deutlich besser haften und bringt ein intensiveres Leseerlebnis. Vielleicht weil ich das so gelernt habe und es dazu früher keine digitale Alternative gab, vielleicht aber auch, weil man eben mit mehreren Sinnen liest. Schließlich fühlt man das Papier, blättert es um, spürt es zwischen seinen Fingerspitzen. Ein Gefühl, dass man um so mehr zu schätzen lernt, wenn man tagtäglich schon genug Zeit am Rechner und man dazu verdammt ist, permanent in sein Handy zu starren, um dort Mails, SMS, Whatsapp etc. zu bearbeiten. Kurz um: Für mich ist digitales Lesen oft hastiges, schnelles Lesen, während analoges Lesen Genuss und Ruhe bedeutet. Anders gesagt: Digitales Lesen ist Fastfood und analoges Lesen eben ein gut gemachtes Menü. Was davon wohl gesünder ist?

Stefan Mies, Artegic, Bonn
Die Digitalisierung hat auch mein Leseverhalten verändert. Nachrichten konsumiere ich meist über Online-Medien. Nehme ich ein Printprodukt zur Hand, beschäftige ich mich wesentlich intensiver mit dem Medium. Erhalte ich digital News in Echtzeit, ist die Stärke von Print die Tiefe einer thematischen Begleitung. Die Verlage haben in der Vergangenheit den Fehler gemacht, Online als neues Trägermedium zu nutzen, um höhere Reichweiten zu erzielen, ohne sich Gedanken über Preis, Konkurrenz und Wertigkeit zu machen. Dadurch ist der Journalismus in die Falle der Schnelllebigkeit getappt. Mein Wunsch für die Zukunft der Printmedien wäre mehr Mut hin zu kostenpflichtigen Modellen, um die Anzeigen-Auflagen-Spirale wieder aufwärts zu drehen.

Miriam Wohlfarth, Ratepay, Berlin
Printmedien nutze ich vor allem zur Entspannung und wenn ich Zeit habe. Um mich zu informieren, lese ich unterwegs Zeitungen, etwa im Flugzeug oder in der Bahn. Zeitschriften und Zeitungen lese ich außerdem sehr gerne am Sonntagmorgen, wenn ich auf dem Balkon in der Sonne sitze und richtig abschalten kann. Bücher lese ich meist am Abend, da habe ich am ehesten Zeit, mich länger in eine Story zu vertiefen. Ich liebe es, zu „blättern“ und habe mich deswegen von E-Books oder dem Kindle komplett verabschiedet.

Susanne Ullrich, Brandwatch, Berlin
Ich bin ein großer Fan von Social Media und digitalen Produkten. Dennoch ist und bleibt Print sehr wichtig für mich, denn es gibt einfach Inhalte, die ich lieber offline lese – allem voran Bücher. Den Geruch eines Buches, das Umblättern der Seiten und das haptische Gefühl kann für mich kein E-Book-Reader ersetzen. Außerdem bin ich in einem regelmäßigen Bücherclub und es macht einfach mehr Spaß, „richtige“ Bücher zu tauschen als Dateien. Klassische Nachrichten hingegen konsumiere ich fast nur noch online. Für spezifische Neuigkeiten lese ich gerne Zeitschriften und freue mich z. B. immer sehr, wenn das Magazin des Deutschen Alpenvereins alle zwei Monate in meinen Briefkasten flattert.

Stephan Theiß, Gelbe Seiten Marketing, Frankfurt
In vielen Fällen nutze ich heute Alternativen zum gedruckten Wort: News lese ich ausschließlich über mein Smartphone, Bücher höre ich gerne im Auto. Das ist für mich sehr effizient. Das papierlose Büro gibt es für mich trotzdem nicht (mehr). Wenn ich etwas wirklich intensiv lese oder Unterlagen redigiere, brauche ich dieses auf Papier. Um entspannt einen Artikel zu lesen, ist das Durchblättern einer Zeitschrift absolut konkurrenzlos. Warum? Weil ich online und mobil Informationen eher schnell und oberflächlich konsumiere. Man könnte auch sagen: Digitale Informationen sind für mich wie Fast Food. Auch würde ich nie auf die Idee kommen, mich abends mit dem iPad an das Bett meiner Tochter zu setzen, um ihr vorzulesen, denn meine Tochter und ich lieben Bücher.

Doris Papenbroock, MMK Markt- & Medien-Kommunikation, Hamburg
Zu den schönsten Augenblicken meiner Jahre als Redakteurin beim Jahreszeiten-Verlag gehörten die Stunden, als wir die Andrucke begutachteten und korrigierten und sich der Duft der Druckfahnen mit dem eines heißen Kaffeebechers vermischte. Gesteigert werden konnte das nur, wenn man das fertige Heft in die Hand nahm und nun noch die Haptik hinzukam. Noch heute besitze ich die Ausgabe, in der mein erster Artikel erschien. Sie liegt in einer Schublade mit einer Reihe anderer Hochglanzhefte aus der ganzen Welt, die ich einfach nicht wegwerfen konnte, weil sie so schön sind. Ich habe mehrere Jahre in New York gearbeitet, und es war ein Ritual, am Sonntagmorgen die mehrere Pfund schwere Sunday New York Times am Broadway zu kaufen und sie mit einer Tüte noch warmer Bagels mit nach Hause zu bringen. Die Ressorts wurden verteilt und getauscht, und es wurde viel diskutiert. Die Ausgabe der Sunday New York Times vom 14. September wog übrigens mehr als 5,4 Kilo, hatte 1.612 Seiten und schaffte es in das Guiness Book of Records. Allein der Materialverbrauch dieser altmodischen Holzmedien ist ein Argument, vom Papierfetischisten zum E-Book-Enthusiasten zu werden. Ich habe es natürlich probiert und mir sowohl ein Tablet als auch einen E-Book-Reader angeschafft und mich für eine Zukunft ohne gedruckte Zeitung gewappnet. Bill Gates predigt den Tod der Tageszeitung bekanntlich schon seit 1990, und irgendwie ist das auch realistisch. Aber für mich ist ein Morgen ohne Tageszeitung so schal wie das „Paperscent-Spray“, mit dem amerikanische Print-Fans ihre Tablets einsprühen.

Ralf Nöcker, GWA, Frankfurt
Mein Leseverhalten ist konservativ. Ich lese täglich die „FAZ“ und relativ regelmäßig die „Zeit“, und zwar jeweils in der gedruckten Version. Journalistische Online-Angebote nutze ich ebenfalls regelmäßig, aber eher ergänzend. Zudem lese ich, ebenfalls traditionell auf Papier, eine gewisse Zahl von Fachzeitschriften zu Werbung und Marketingkommunikation („Horizont“, „W&V“, „Page“), zu Musik („Spex“, „Wire“) und zu Wirtschaftsthemen („Wirtschaftswoche“, „Brandeins“). Ausschließlich im Netz lese ich, auch das regelmäßig, „Bild“ und „Rheinische Post“, vor allem wegen der Sport-Berichterstattung. Auch Bücher lese ich ausschließlich in gedruckter Form, mein (wahrscheinlich einziger) Versuch, auch mal ein E-Book zu lesen, ist jämmerlich gescheitert – ich habe das Buch irgendwann als Print-Produkt nachbestellt.

Philipp Bierbaum, Damm & Bierbaum, Frankfurt
Für mich stellen Printprodukte, trotz der zunehmenden Digitalisierung, wesentliche Orientierungspunkte meines „Tagesgeschäfts“ dar. Der Tag beginnt, unabhängig von der Uhrzeit, mit einem Kaffee und der „Frankfurter Allgemeinen“. Hier verschaffe ich mir einen Überblick der aktuellen Themen und vertiefe meine Kenntnis mit zwei bis drei Artikeln, die mich interessieren. Hierzu gehört auch mindestens ein Kommentar. Eine „starke“ Meinung ist für die eigene Meinungsbildung zwingende Voraussetzung. In der Agentur spielen die Branchendienste eine wichtige Rolle - und zwar in der haptischen Form. Hier nehme ich mir die Zeit, die aktuellen Ausgaben, wenn möglich am Erscheinungstag, durchzuarbeiten. Für unsere Agentur relevante Informationen und Artikel werden markiert und kommentiert und gehen in den definierten Umlauf-Verteiler. Hieraus entsteht immer ein Dialog und in der Regel auch eine Aktion. Die „Frankfurter Neue Presse“ ist ebenfalls Pflichtlektüre, denn sie ist ein langjähriger Kunde. Und auch das gute, alte Buch wurde bei mir noch nicht durch den Kindle abgelöst. Im Urlaub bevorzuge ich allerdings den Kindle: lässt sich sehr gut bei Sonnenlicht lesen und verursacht kein Übergepäck. Um es auf den Punkt zu bringen: Bei mir ist die Verwendung bestimmter Printprodukte ritualisiert und auf eine sehr angenehme Art auch bewährt. Ich denke, so geht es vielen. Und ich denke auch, dass es noch sehr lange dauern wird bis die Digitalisierung Print vertrieben hat. Immer wenn etwas äußerst konzentriert gelesen wird, passiert das nicht am Bildschirm, sondern in gedruckter Form. Das kann jeder Anwalt bestätigen. Hinzu kommt, dass die Menschen in diesen unglaublich hektischen und schnellen Zeiten nach „Ruhepunkten“ suchen. Print bietet diese.

Marc Haarmeier, Amplexor Digital, Berlin
Ich bin „Multi-Channel-Leser“: Web, Social Media, Apps, E-Book – aber eben auch Print. Beruflich lese ich mehr Digital, privat eher Print. Manchmal brauche ich einfach ein „analoges” Medium – gut gemacht, gut anzufassen und zu betrachten. Durch Innovation und Qualität geprägte Printprodukte werden weiterhin eine Zukunft haben. Das sage ich auch vor dem Hintergrund, dass ich beruflich die digitale Transformation vorantreibe. Digital ist mehr als ein neues Medium. Es bedeutet die Strategie, die Führungsprinzipien, die Organisation, Prozesse und die Kultur zu verändern. Produkte und Dienstleistungen wandeln sich – genau wie die Wertschöpfungsketten und die Gesellschaft als Ganzes.

Helmut Blocher, Succus, Wien
Bücher lese ich nach wie vor nur gedruckt und ich denke, das wird sich so bald nicht ändern. Nachrichten und Informationen konsumiere und recherchiere ich hingegen fast nur noch elektronisch. Da möchte ich mich auch nicht mehr auf einzelne Fachmedien oder Zeitungen beschränken. Im Arbeitsumfeld stört mich Papier zunehmend. Ausgedruckt wird mehr oder weniger nur noch das, was unterschrieben werden muss. Dennoch wird es bedrucktes Papier noch lange geben. Weltweit nimmt der Papierverbrauch sogar wieder zu. Im Dialog mit den Kunden sehe ich im intelligenten Einsatz hybrider Kommunikation noch sehr viel Potenzial.

Mark Wächter, MWC.mobi, Hattingen
Mein Smartphone liefert mir täglich und in Echtzeit ca. 500 Branchen-News aus dem globalen Tech-Tornado 'Made for Mobile' – also als Media-Snack für zwischendurch. Aber auch Mr. Mobile bevorzugt das Recherchieren in gedruckten Fachzeitschriften und die stundenlange Lektüre der Print-Version der Tageszeitung am Wochenende.

Nicole Gräber, Weischer Solutions, Hamburg

Die neuen Medien haben natürlich auch mein Leseverhalten verändert. Im Alltag nutze ich statt Tageszeitung und Spiegel heute eher die elektronischen Medien, um mich über das aktuelle Geschehen zu informieren. Dennoch finde ich es wunderbar, wenn ich mein Smartphone aus der Hand legen kann. Es ist für mich eine wichtige Informationsquelle und ich lese gerne und viel darauf – aber es ist ein unvergleichliches Gefühl ein Buch oder ein gut gemachtes Magazin in der Hand zu haben und darin zu blättern. Ich mag es, wenn im Kopf eigene Welten entstehen und liebe nach wie vor die Haptik der Bücher und hochwertiger Magazine.