Interview mit Elke Katz, CDO Ratioform

'Es kommt auf den Aha-Effekt an'

Gehen Sie die Digitale Transformation bei einem B2B-Unternehmen anders an als bei Telefonica oder BMW?
Der Unternehmensgröße entsprechend ist das Tempo anders. Tatsächlich stelle ich fest, dass wir hier mit großer Geschwindigkeit in der Lage waren, die digitale Agenda im Unternehmen auf eine breite Basis zu stellen. Mein Ansatz war, möglichst rasch Erfolgsfaktoren zu identifizieren und entsprechend motivierte Mitarbeiter in Teams in die Veränderungsprozesse einzubinden. Ob B2B oder B2C spielt dabei keine Rolle in Zeiten von Business-to-Human.

Sehen Sie darin wichtige Ansatzpunkte für Digitale Transformation?
Die wichtigen Impulse kommen vom Markt. Die Kundenwünsche sind das, was im Vordergrund stehen sollte, wenn im Unternehmen eine Digitalisierungsstrategie aufgesetzt werden soll. Es sind nicht ausschließlich die großen Innovationen, die die Transformation voranbringen. Viel wichtiger ist, das eigene Geschäftsmodell daraufhin zu prüfen, wie zukunftsfähig es ist und dem entsprechend die Strategie und den Implementierungs-Plan auszurichten. Es lohnt sich oft mehr, im Geschäftsprozess große Hebel neu zu stellen, bei dem man mit weniger Risiko schon eine Veränderung bewirken und positive Ergebnisse erzielen kann.

Woran machen Sie das fest – was sind Ihre Kriterien?
Das hängt auch sehr von der Ausgangslage des Unternehmens ab. Ein Start-up wird als „Angreifer“ eine andere Strategie verfolgen, weil es kein Risiko für ein bestehendes Geschäft eingeht. Als Unternehmen, das bereits am Markt etabliert ist, und wie Ratioform vielleicht sogar Marktführer in seinem Segment, gilt es, das Risiko gut abzuwägen. Oft braucht es ja auch keine „Revolution“, sondern viel mehr Evolutionen im Prozess, um sich für die Zukunft gut zu rüsten. Ich muss mich immer fragen, wie weit ist das Unternehmen auf seiner digitalen Agenda – wie hoch ist der Reifegrad und welche Wirkung kann die jeweilige Veränderung haben?

Was tun Sie, um den Kundennutzen in den Vordergrund zu rücken?
Das Wichtigste ist, tatsächlich auf der strategischen Ebene zu beginnen und die Knackpunkte für den zukünftigen Erfolg aufzudecken. Erfolgsfaktoren der Vergangenheit können sich deutlich zu denen der Zukunft unterscheiden. Hier gilt es, mit einer Differenzierungsstrategie einen klaren Blick auf die Prioritäten, als auch die Themen die es anzuhalten gilt, zu bekommen. Als zweiten, wichtigen Schritt sehe ich immer die Betrachtung der Prozesse aus Kundensicht – was erwarten die Kunden von uns? Und dann, im dritten Schritt erst, kann ich die IT-Systeme betrachten und daraufhin prüfen, ob sie uns unterstützen beim Transformationsprozess. Dabei hilft auch schon erst einmal, kleine Services zu integrieren, wenn sie Nutzen bieten, bevor das ganze System ausgetauscht wird. Es geht auch darum, den Blick für die Organisation aufzumachen, was möglich ist und was wir tun können.

Wovon hängt es ab, wie Sie vorgehen?
Es ist eine grundsätzliche Entscheidung, ob ein Unternehmen die Transformation aus sich selbst heraus durchlaufen will oder auf Inkubatoren setzt. Letztere entwickeln häufig autarke Modelle, die dann mühsam wieder in die Organisation zu integrieren sind. Der zuerst gewonnene zeitliche Vorsprung geht dabei eventuell auch wieder verloren. Dafür geht die Transformation, wenn man den ganzen Betrieb mitnehmen will, meist langsamer. Wir haben uns für das Einbeziehen aller entschieden – und mit den Führungskräften ein Gremium geschaffen, das bereichsübergreifend die Themen angeht. Und auch in den Projekten sind wir agil und arbeiten themenbezogen zusammen. Das schafft eine Dynamik und zieht tatsächlich viele Mitarbeiter mit.

Und was ist mit den anderen?
Es ist wichtig, dass sie nicht das Gefühl bekommen, ausgeschlossen zu sein. Doch wenn sie sehen, dass wir durch fokussierte Projekte einen Mehrwert für das ganze Unternehmen schaffen, ändert sich ganz oft auch die Haltung der Skeptiker. Gleichzeitig bewirken solche Erfolgserlebnisse neue Motivation für alle.

Was sind Ihre Quellen, gibt es einen über das eigene Unternehmen hinausgehenden Wissenstransfer?
Ich stehe beim Thema Digitalisierung im internationalen Kontakt mit meinen CDO-Kollegen in den anderen Konzerngesellschaften, wobei es so ist, dass keiner sofort immer die goldene Lösung hat. Außerdem kann ich nur Impulsgeber sein, wenn ich auch einmal Abstand nehme und mich in meinem Netzwerk mit Menschen aus anderen Branchen austausche. Das passiert analog wie digital, was wieder eine andere Sicht auf die Dinge ermöglicht, zum Beispiel auch als Kunde. Wenn ich da ein Aha-Erlebnis habe und das zu unserer Strategie passt, bringe ich das gerne mit ein.

Das Gespräch führte Susanne C. Steiger
Es stammt aus Ausgabe 6 der ONEtoONE, die am 28.Mai erscheint.
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