Gastbeitrag

BVDW: Fünf Thesen zur Zukunft von Wearables

Wearables sind die ultimativen Big-Data-Devices, meinen die Autoren des BVDW (Bild: Apple)

1. Wearables überwinden durch ihre Eigenschaft als bislang intimstes Endgerät die Distanz zwischen Mensch und Technik, sie agieren noch intuitiver als bisher Dagewesenes.

Wearables werden direkt am Körper getragen, so nah kam dem Menschen noch kein nicht-medizinisches Device. Sie werden allein deshalb erfolgreich sein, weil sie – anders als Smartphones - die Distanz von Technik und Mensch minimieren. Sie passen sich unauffälliger in den persönlichen Alltag ein und müssen nicht erst aus der Damen-Handtasche oder Herren-Hosentasche hervorgekramt werden. Sie sind einfach da, im individuellen Blickfeld des Einzelnen und lenken auch beim sozialen Miteinander weniger ab. Im Falle der Apple Watch reicht eine Armbewegung und die Information ist da. Ohne signifikante Verhaltensänderung, ohne künstliche Bewegungen des Menschen. Einfach praktisch und äußerst „nahe-“ beziehungsweise dicht „anliegend" – mit Blick auf Zahlungsfunktionen, Onboarding-Aktivitäten beim Fliegen beziehungsweise Bahnfahren und zukünftig wohl auch im Kontext zusätzlich "automatisch mitlaufender" Services und Dienstleistungen. Indem Wearables Nutzungsdaten sammeln und immer mehr Services auch 'wearable-kompatibel' gedacht werden, wird sich der jetzige Begriff des 'Internet of Things' zum „Internet of Things and Humans“ entwickeln, in dem persönliche Daten wie Gesundheitsparameter oder Fitnessleistungen an ein technisches Gerät gesendet werden, das wiederum darauf reagiert.

2. Von Pull zu Push: Die proaktive Ansprache der Nutzer mit kontextrelevanten Informationen und Services ist die Zukunft des vernetzten Alltags und macht Wearables damit zu perfekten Devices.

Die Informationssuche oder Inanspruchnahme eines Services über das persönliche Smartphone erfolgt bislang in der Regel durch den Nutzer. Wir suchen auf dem Homescreen die passende App, öffnen diese und navigieren uns durch diverse Optionen und Features. Mit dem zunehmenden Erfassen und Nutzen von Daten gehen erste Anbieter mittlerweile dazu über, ihre Dienste zu personalisieren und auch proaktiv anzubieten. Erste Beispiele sind die App Hooks, die den Nutzer bestimmte Ereignisse festlegen lässt, über die er dann per Push Notification benachrichtigt wird, oder auch das „Beats&Bytes”-Projekt, bei dem in einer Diskothek mithilfe von Wearables der Pulsschlag der Besucher erfasst und der Beat der Musik sowie Lichtprojektionen entsprechend angepasst werden. Zudem sind mit Google Now, Apple Proactive Assistant und Cortana Anwendungen führender IT-Konzerne in Betrieb beziehungsweise geplant, die eine Abkehr vom eingeübten App-Gebrauch fördern.

Denkt man diese Ansätze weiter, so liegt es nahe, dass ein Carsharing-Dienst in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit weiß, wann und wo wir ein Auto suchen. Eine einfache Benachrichtigung „Möchten Sie das Auto in der Nähe buchen?“ kann mit „Ja“/„Nein“ beantwortet werden. Selbiges gilt für den morgendlichen Kaffee beim Stamm-Café, das Nachbestellen von Verbrauchsartikeln, dichten Verkehr auf häufig gefahrenen Routen und viele andere Services, die wir routinemäßig in Anspruch nehmen. Das Verarbeiten von kontextrelevanten Triggern wie Ort, Zeit, Verkehrslage, Wetter, Empfehlungen aus sozialen Netzwerken, aber auch von biometrischen Daten durch neuartige Sensoren, allen voran für den Pulsschlag, macht es möglich.

Gleichzeitig bedeutet dieser Wandel auch, dass große Displays zur Darstellung von Informationen und Navigationsstrukturen für viele Dinge mittelfristig überflüssig werden. Es müssen durch kontextrelevante und personalisierte Angebote weniger Informationen visuell dargestellt werden. Wearables, seien es Smartwatch oder Smartglasses, reichen mit ihrer überschaubaren Displaygröße völlig aus und ermöglichen durch Notifications oder augmented-reality-basiertes Einblenden ein unmittelbares Verwenden von Services – durch einfache Klick-, Sprach-, Gesten- oder sogar auch Mimiksteuerung. Für Marken bietet dieser neuer Erfahrungsbereich die Möglichkeit, ein in jedem Kontext relevantes Markenerlebnis zu schaffen.

3. Wearables bieten Neuerungen in vielen Lebensbereichen und brechen alte Geschäftsmodelle auf.

Heute noch kompliziert abzubildende Prozesse in vielen Lebensbereichen der Konsumenten werden in ihrer Ablaufstruktur einfacher, neue Nutzungsmöglichkeiten öffnen sich. Dies gilt auch für die Digitalisierung einzelner Geschäftsprozesse (neue CRM-Strategien, vereinfachter Kundenservice im Einzelhandel, Reduzierung der Fehlerquote in der Produktion durch digitale Arbeitsanweisungen).

Dies hat Konsequenzen für das Produkt- und Serviceangebot und damit auch auf die Geschäftsmodelle in vielen etablierten Branchen. Mit der Musik- und Medienindustrie haben bereits ganze Industriezweige Erfahrungen darin sammeln müssen, wie ihre zuvor vergleichsweise innovationsarme Branche durch umwälzende Ansätze aufgemischt wurde. Diesem Erfahrungslernen zufolge sollten bei Konsequenzen gezogen werden. Denn durch Wearables bieten sich völlig neue Nutzungsmöglichkeiten an. Im Bereich der Finanzdienstleistungen kommt die Smartwatch mit einem nie zuvor gekannten Komfort im bargeldlos mobilen Zahlungsverkehr ins Blickfeld. Technikgetriebene Unternehmen wie Apple oder Fin-Tech-Start-ups werden damit noch intensiver traditionelle Finanzdienstleister auf Ebene ihrer Kernkompetenz, der Abwicklung von Finanztransaktionen, attackieren. Auch in der Versicherungsbranche werden Wearables schon bald eine wichtige Rolle spielen.

Durch die Quantified-Self-Szene, Triebfeder hinter dem Boom der Activity-Tracker, erleben wir nichts anderes als die Operationalisierung eines auf Gesundheit ausgerichteten Lebensstils. So wurden in den USA beispielsweise erste Pilot-Programme gestartet, deren Teilnehmer Vergünstigungen erhalten, sofern sie aufgezeichnete Daten zur Verfügung stellen. Auch in Deutschland gibt es bereits Überlegungen, Krankenkassenbeiträge abhängig vom persönlichen Lebensstil zu berechnen („pay-as-you-live“). Waren die verwertbaren Daten von Smartphones bisher überschaubar, erweitern Wearables dieses Repertoire nun um neue Sensoren (zum Beispiel die Herzfrequenz) und damit wertvolle Messdaten. Erste private und gesetzliche Krankenkassen in Deutschland bezuschussen in der Folge bereits den Kauf von Activity-Trackern.