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Wie bestehen Verlage gegen die Dominanz sozialer Medien?

Im Januar 2009 geschah in den USA ein einschneidendes Erlebnis für die Nachrichtenwelt: Der US Airways Flug Nummer 1549 mit 155 Passagieren und Crewmitgliedern hatte einen Triebwerksausfall und musste im New Yorker Hudson River notlanden. Die dramatischen Ereignisse zogen die ganze Welt in Bann – und zum ersten Mal war die Berichterstattung auf Twitter traditionellen Medien in puncto Schnelligkeit überlegen.

Seit dem „Wunder vom Hudson” hat sich Social Media an der Spitze der Nachrichtenberichterstattung etabliert. Immer häufiger sind Informationen zu Ereignissen zuerst auf Twitter zu lesen. Traditionelle Medien folgen erst mit einer Zeitverzögerung. Augenzeugenberichte von Social-Media-Nutzern sind häufig zu lesen, bevor die ersten Journalisten am Ort des Geschehens eintreffen. Updates finden kontinuierlich und in Echtzeit statt. Die Kommunikationswissenschaft bezeichnet diesen unaufhaltsamen Trend als „Socialization of News“.

Dies birgt Schwierigkeiten, wie wir beim Amoklauf in München sehen konnten. Grundsätzlich erhalten durch den Demokratisierungseffekt von Social Media aber sämtliche Personen die Möglichkeit, Schlagzeilen und Debatten mitzubestimmen. Für Publisher geht es in die genau entgegengesetzte Richtung: Sie verlieren immer mehr die Kontrolle über die Nachrichten. Schon 2014 verglich eine Comscore-Analyse den direkten Traffic, also die loyale Stammleserschaft, mit den Besuchern, die über Social Media auf Nachrichtenseiten gelangten. Besucher von Social-Media-Seiten verbrachten 3x weniger Zeit auf den Seiten, kamen 3x seltener zurück und besuchten 5x weniger Seiten. Schon im letzten Jahr nahm Social Media eine besondere Hürde und erreichte mehr Referrals zu Publishern als die Google-Suche (40% zu 38%) - Tendenz steigend. Mit 46% zu 40% haben soziale Medien die Suche als Traffic-Quelle Nummer eins klar abgehängt. Betrachten wir diese beiden Trends zusammen, sehen wir eine deutliche Gefährdung des Status Quo für die Nachrichtenbranche.

Im Juni 2016 veröffentlichte das Reuters Institute for the Study of Journalism (RISJ) eine internationale Studie, die unterstreicht, dass Social Media die Nachrichtenbranche weiter destabilisiert. 39% der 18-24- jährigen Deutschen surfen auf Facebook, um Nachrichten zu erhalten. Insgesamt konsumieren hierzulande 31% ihre Nachrichten über Social Media. Damit ist dieser Kanal fast so bedeutend wie Printmedien (38%), die sich in einem dramatischen Abstieg befinden (2013 lag der Wert noch bei 63%).

Die Ergebnisse sind relativ neu und sorgen für weniger engagierte Webseitenbesucher. Das Verlassen auf externe Plattformen wie Facebook kann für Publisher auch gefährlich werden. Erst im Juni kündigte Facebook an, persönliche Nachrichten, Bilder und Videos im Newsfeed zu bevorzugen – zum Leidwesen von Publishern und Brands, deren Posts weniger häufig angezeigt werden. Diese Ankündigung verweist auf ein tieferliegendes Problem: Der Konsum von „Social News“ gibt Algorithmen die Macht, zu entscheiden, welche Neuigkeiten in den Feeds angezeigt werden. Es entstehen „Nachrichtenblasen“ oder „Echokammern“, wo nur eigene Interessen und Meinungen widergespiegelt werden. Durch die Anzeige von Beiträgen aus dem eigenen Freundeskreis gehen womöglich andersartige Meinungen verloren, mit denen eine professionelle Redaktion seine Leser konfrontiert.

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