Thema des Monats

Fulfillment-Trends: Über alle Grenzen hinweg

Fulfillment-Dienstleister stehen nicht nur vor Internationalisierungs-Herausforderungen, sondern auch vor immer höheren Ansprüchen der Verbraucher (Bild: ZTV)

Der weltweite Handel macht aktuell einen fundamentalen Wandel durch, sagte Dr. Thomas Ogilvie auf dem von ePages veranstalteten Commerce Summit im September dieses Jahres. Der Senior Vice President von DHL führte aus, dass Handel in der Menschheitsgeschichte immer ein sehr persönlicher Prozess war, man kaufte schließlich zum Beispiel auf dem Marktplatz in der eigenen Stadt ein. In den vergangenen zwei Jahrhunderten habe sich der Handel durch große Organisationen dahingehend verändert, dass er anonymisiert wurde. Wer im 20. Jahrhundert in einem Supermarkt einkaufen ging, der bezahlte – und wurde dann von der Firma „vergessen“. Es sei eine anonyme Welt zwischen Organisationen entstanden. Aber Entwicklungen wie Loyality-Programme oder Mobile Payment hätten den Handel nun nochmals verändert, es würden Verbindungen, also „Connections“, entstehen. „Das verändert alles“, sagte Ogilvie. „Und auch die Logistikbranche muss darauf reagieren und sich überlegen, wie sie damit umgeht.“

Logistik und Fulfillment, also die Dienstleistungen, die Unternehmen ab dem Abschluss des Kaufvertrags erbringen, werden durch einen globalisierten Handel komplexer und wichtiger. Die Branche wächst. Die Unternehmensberatung Roland Berger prophezeit, dass die Branche bis zum Jahr 2020 um drei Prozent zulegt. „Das volatile Marktumfeld, der immer stärkere Online-Handel, die Verschiebung der Märkte in Richtung Asien und die zunehmende Nachfrage nach Spezialdienstleistungen setzen neue Unternehmensstrategien und erhebliche Investitionen der Logistikanbieter voraus“, sagt Dirk Friebel, Logistikexperte von Roland Berger. Ein zentraler Trend, der die Logistikbranche prägt, sei das rasante Wachstum des Online-Handels. Für die globale Logistikbranche berge diese Entwicklung großes Geschäftspotenzial, allerdings mit einigen Schattenseiten. Das damit verbundene B-to-C-Geschäft setze kürzere Produktlebenszyklen und schnellere Lieferzeiten voraus.

Internationalisierung und IT sind Top-Trends


Auch der FC Bayern will international vom E-Commerce profitieren. Dafür hat der Verein im August eine Partnerschaft mit DHL bekanntgegeben (Bild: DPDHL)Internationalisierung steht bei immer mehr Teilnehmern der Branche auf der Agenda. Im April dieses Jahres stellte Deutsche Post DHL die „Strategie 2020“ vor, die eine Internationalisierung des Paketgeschäfts beschrieb. „Wir haben dabei den klaren Anspruch, bis 2020 weltweit die treibende Kraft in der Logistik zu werden und die Maßstäbe in unserer Branche zu definieren“, sagte CEO Frank Appel damals. Der Fulfillment-Dienstleister Docdata hat ebenfalls ein Strategiepapier mit dem Titel „Vision 2020“ vorgelegt. Darin heißt es unter dem Stichwort Smart Growth: „Langfristig glauben wir an die Optimierung der E-Commerce-Kette. Der Schwerpunkt bei unseren Kunden wird in den kommenden Jahren hauptsächlich auf der Rentabilisierung des Geschäftsmodells und weniger auf exponentiellem Wachstum liegen. Darüber hinaus wird das IT-Umfeld für E-Commerce-Unternehmen zunehmend komplexer; außerdem muss die Analysekapazität ausgebaut werden, um die erheblichen Datenströme für die Verbesserung der gesamten Prozesskette nutzen zu können.“ Aktuell durchläuft die Branche laut Docdata eine Phase der Internationalisierung (siehe auch Grafik). „Internationalisierung ist der stärkste Trend im E-Commerce“, ist derzeit auch bei dem Logistikanbieter Hermes zu lesen. Das Unternehmen hat im Sommer dieses Jahres 300 Millionen Euro in seine Logistik investiert und modernisiert momentan die Infrastruktur. Hermes will sich nach eigenen Angaben verstärkt auch als „Partner kleinerer und mittelständischer Versender“ etablieren. Dabei spielt neben Internationalisierung offenbar auch immer mehr die IT eine zentrale Rolle. Die Hermes Fulfilment GmbH hat zum Beispiel zur effizienteren Abwicklung des Mandantengeschäfts eine neue IT-Plattform entwickelt, die auf SAP basiert, modular aufgebaut ist und sich „nahtlos an die Systeme der Kunden andocken“ lasse.

Neben generellen Multi-Channel-Überlegungen, der zunehmenden Verbindung von Beständen und Warenströmen zwischen B-to-B und B-to-C sowie der steigenden Automatisierung sagt auch Dienstleister Arvato, dass „die zunehmende Internationalisierung, bis hin zur Globalisierung“, eines der aktuell wichtigsten Themen ist. „Infolgedessen werden potente Dienstleister gesucht, die sowohl über die geografische Coverage (Standards) als auch über die notwendigen finanziellen Mittel (Investitionsfähigkeit) verfügen“, heißt es bei Arvato. Henning Berndt, Managing Director von dem britischen Fulfillment-Dienstleister MetaPack sagt: „Internationalisierung nimmt stark zu, und auf Cross-Boarder-Trade stellen sich nun auch kleinere Unternehmen ein.“ Wichtig sei dabei, dass Händler auf der letzten Meile einen „native carrier“ hätten, also ein lokales Transportunternehmen, das auf die jeweiligen Ansprüche der Kunden eingehen könne. Der britische Anbieter von Versandmanagementlösungen hatte vor weniger als einem Jahr das deutsche Unternehmen XLogics Group übernommen und arbeitet nach eigenen Angaben weltweit mit mehr als 200 Carriern zusammen. Im Vereinigten Königreich betreue MetaPack 80 Prozent der größten Einzelhändler, unter anderem Asos und Marks & Spencer. Die MetaPack-Plattform dient laut Berndt als Schnittstelle zwischen Warehouse und Carrier.

Wie wichtig der Bereich Informationstechnologie für die Branche geworden ist, wird auch mit einem Blick auf Unternehmen wie eFulfilment Transaction Services deutlich. Das Unternehmen betreibt eine Software-as-a-Service-Plattform, mit der Händler standardisiert ERP, PIM, LVS, OMS, Controlling und Marketing steuern können sollen. Vor Kurzem hat eFulfilment Zalando in die Multi-Channel-Software integriert. Markenhersteller, die Zalandos Anforderungen erfüllen und ihr Business über die Plattform des Unternehmens managen, können seitdem ihren Verkauf auf die internationale Mode-Website ausweiten und so zusätzliche Reichweite generieren. Über die neue Schnittstelle gelängen Anbindung und Management des Vertriebskanals „schnell und unkompliziert“. Die Plattform bilde sämtliche Prozesse ab und steuere sie mit einer Automatisierungsquote von mehr als 90 Prozent. Zalando übernehme Kundenservice und Zahlungsprozesse. Ein weiteres Anwendungsbeispiel ist die Drogeriemarktkette Müller, die ihren Online-Shop mit eFulfilment verwaltet. Dank des neuen Online-Shops könnten Artikel online bestellt und dann in der Wunschfiliale abgeholt werden. Die bestellte Ware würde bereits im Lager abholfertig in Tüten verpackt und müsse an der Kasse nur noch bezahlt werden. Der Shop führe derzeit rund 47.000 Produkte, die nach dem Click & Collect-Prinzip – also zur Abholung im Geschäft – geordert werden könnten. Müller komme damit unter anderem Kunden entgegen, deren Filiale vor Ort nur ein kleineres Sortiment anbiete.

Auch Docdata war im Bereich Software-Entwicklung aktiv und stellte im Juli „Docdata Connect“ vor. „Modernes Fulfillment ist in erster Linie ein IT-Thema, und wir haben es auf unsere Fahnen geschrieben, nicht nur ein austauschbarer Standarddienstleister zu sein, sondern unsere Kunden durch dauernde gemeinsame Prozessentwicklung und zielgerichtete Innovationen erfolgreich zu machen“, heißt es aus dem Unternehmen. Mit der Lösung lassen sich Produkte ins Angebot von Online-Marktplätzen wie Amazon, Alibaba, Zalando, eBay und bol.com Plaza einstellen. Durch das System können Bestellungen, die über diese verschiedenen Marktplätze generiert werden, laut Unternehmen aus einem zentralen Lager abgewickelt werden.

Virtuelle Warenlager


Eine etwas andere Herangehensweise stellt das Unternehmen Virtualstock vor. Der Dienstleister liefert dem Handel und Markenherstellern Cloud-basierte Software-Lösungen zum Aufbau virtueller Warenlager, die zur „beschleunigten Portfolio-Erweiterung sowie zur Einrichtung eines durchgängig steuerbaren Streckengeschäfts“ (Drop Shipping) verhelfen sollen. Mit Virtualstock Click & Collect könne der Online-Handel die Vor-Ort-Abholung auch ohne eigenes Filialnetz anbieten. Das Unternehmen betreut dabei zum Beispiel Office Depot international mit der Lösung „The Edge“. Das Produkt sei eine Lösung neuen Zuschnitts für die nahtlose Kommunikation zwischen beliebig vielen Systemen, Lieferanten und Vertriebsplattformen. Die Cloud-basierte Lösung sichere die volle Steuerungshoheit über das Streckengeschäft, gewährleiste eine umfassende Kontrolle des Datenbestandes und erlaube Office Depot, die wachsenden Anforderungen der Kunden zu erfüllen. Damit könne Office Depot jederzeit Tausende neuer Produkte in seine Verkaufsplattform einbinden und verwalten. Das Virtualstock-System liefere dabei exakte Informationen über die aktuelle Verfügbarkeit des gesamten Produktangebots und erleichtere die durchgängige Steuerung von Bestellprozessen sowie die Track & Trace-Verfolgung der Warenlieferung bis zur Kundenhaustür.