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Augen auf: Neue Konkurrenz lauert

Noch sind WhatsApp, Instagram und Facebook Platzhirsche in Deutschland – fragt sich nur, wie lange noch

Für deutsche Marketer ist und bleibt 
Facebook laut vieler Experten derzeit das sinnvollste Netzwerk für Marketing-Aktivitäten. Dass Facebook grundsätzlich eine bedeutende Größe im Social Web ist, zeigen auch die kürzlich veröffentlichten Unternehmenszahlen für das zweite Quartal 2016: So legte der Umsatz von April bis Juni im Jahresvergleich um 59 Prozent auf 6,4 Milliarden Dollar zu, die Werbeeinnahmen kletterten sogar um 63 Prozent auf 6,2 Milliarden Dollar. Und auch die Nutzerzahlen sprechen für sich: Ende Juni hatte der Netzwerk-Gigant 1,71 Milliarden aktive Nutzer pro Monat, was einem Plus von 15 Prozent zum Vorjahreszeitraum entspricht. Täglich sind auf Facebook 1,13 Milliarden User unterwegs, was einem Plus von 17 Prozent entspricht. Zum Vergleich: Der Mikroblogging-Dienst Twitter hatte im selben Quartal nur 313 Millionen monatlich aktive Nutzer, auf Instagram waren es monatlich 500 Millionen User, auf WhatsApp war es eine beachtliche Milliarde Nutzer pro Monat.

Snapchat: Ein ernst zun ehmender Gegner?
Caroline Langer, International Marketing Manager bei iAdvizeTrotz dieser guten Zahlen sollte man auch die neuen Player auf dem Spielfeld im Auge behalten, wie Snapchat. Der Wert des vor fünf Jahren in Los Angeles gegründeten Unternehmens kann laut „Frankfurter Allgemeine“ längst mit der ersten Börsenliga in Deutschland mithalten. So berichtet die Zeitung mit Bezug auf Daten von Statista, dass professionelle Investoren den Wert des Instant-Messaging-Dienstes auf umgerechnet beinahe 18 Milliarden Euro schätzen würden. Zum Vergleich: Der Wert der Deutschen Bank liegt bei 18,6 Milliarden Euro, der Wert von Lufthansa bei 5,3 Milliarden Euro. „Snapchat ist in kurzer Zeit sehr populär geworden und sollte ebenfalls in Betracht gezogen werden. Heute ist die Kommunikation von Unternehmen dort aber eher einseitig und Marketing-bezogen“, sagt Caroline Langer, International Marketing Manager bei iAdvize.

WeChat: Conversational 
Commerce im Reich der Mitte
Uns Europäern längst einen Schritt voraus sind die Chinesen, und zwar beim „Marketing per Messenger“. Hier setzten die Händler auf WeChat, den Messengerdienst des Internetkonzerns Tencent. Optisch erinnert die App an die uns bekannte Facebook-Tochter WhatsApp. Laut „WirtschaftsWoche“ („WiWo“) wird WeChat von 90 Prozent aller chinesischen Smartphonebesitzer und weltweit von 650 Millionen Menschen genutzt. Der Wert des 2011 gegründeten Unternehmens belaufe sich bereits auf 144 Milliarden Euro. Der Gesamterlös, den Tencent vor allem mit Werbung und Spielen erziele, lag laut „WiWo“ im dritten Quartal 2015 bei umgerechnet 3,7 Milliarden Euro und damit 34 Prozent höher als im Vorjahr.

Anders als auf Whats-
App können per WeChat 
nicht nur Text- und Sprach-
nachrichten sowie Bilder verschickt, sondern es kann auch in E-Commerce-Portalen geshoppt, be-
zahlt, ein Taxis bestellt oder Spiele gespielt werden. Aufgrund der offenen Schnittstelle ist es für Unternehmen zudem leicht, eigene Programme mit der App zu verbinden. Um auf WeChat Angebote, Rabattcoupons und Werbekampagnen zu verschicken, können sich Unternehmen laut China-Portal für Wirtschaft und Kultur (ICC Portal) entweder für einen Subscriber- oder Service-Account entscheiden. Letzterer biete mehr Spielraum, da sich ein eigenes Profil erstellen lasse, dem die Kunden dann folgen können. Besonders macht den Dienst vor allem der Bezahldienst WeChat Wallet, der per integriertem QR-Scanner das Bezahlen einer Rechnung in Sekundenschnelle ermöglicht. Laut „WiWo“ nutzen über 400 Millionen Menschen diese Bezahlfunktion bereits.

Wie ernst die Konkurrenz aus China am Markt genommen wird, zeigt die Reaktion von Facebook: Es kaufte WhatsApp und entwickelte mit dem Facebook Messenger eine eigene App, die es mit einigen, an WeChat erinnernden Zusatzfunktionen aufrüs-tete. So ist es seit Ende 2015 in den USA möglich, über den Messenger Fahrten zu buchen. Erster Partner dieser Transport-Erweiterung ist Uber. Zudem kann man in den USA über den Messenger Zahlungen in ausgewählten Läden und Hotels tätigen, wenn man mindestens 18 Jahre alt ist und seinem Konto eine Debitkarte hinzugefügt hat, die von einer US-amerikanischen Bank ausgestellt wurde.

Entspannt bleiben
Für deutsche Marketer gilt aber vorerst: entspannt bleiben. „WeChat ist für alle Händler, die im chinesichen Raum erfolgreich sein möchten, ein Muss. Es ist sehr empfehlenswert, sich anzusehen, wie der E-Commerce in China mit WeChat bereits zum Conversational Commerce geworden ist“, sagt Langer. Für Unternehmen, die hauptsächlich in Europa und Deutschland aktiv sind, sei WeChat aber weniger empfehlenswert. „Hier sollte man sich mehr auf Messenger konzentrieren, die bereits von den Kunden genutzt werden und auch eine entsprechende Integration ermöglichen. Hier liegen der Facebook Messenger, Twitter und Instagram ganz weit vorne“, so Langer. Auch Meike Bitzer (TLGG) sieht deutsche Unternehmen noch nicht unter Zugzwang: „Allein das aktuell breite Interesse machen Snapchat oder WeChat noch nicht zu Plattformen, auf denen jedes Unternehmen vertreten sein muss.“ Was Unternehmen jedoch im Blick haben sollten, sind Trends, die diese Kanäle mit sich bringen: „Plötzlich beschäftigen sich Nutzer massenhaft mit Inhalten, die morgen bereits verschwunden sind, oder sie nutzen ganz selbstverständlich vielfältige Kommunikations- und Bezahlfunktionen innerhalb einer (ehemaligen) Messenger-App.“ Dass 
Facebook und Instagram vergleichbare Features implementieren, zeige, dass diese Trends ernst genommen werden sollten. „Marken und Unternehmen sollten deshalb ausprobieren, welche Möglichkeiten ihnen neue Plattformen bieten, welche Ziele sie mit ihnen erreichen können – oder wo auch Risiken zu berücksichtigen sind. Das Wichtigste ist daher, aufmerksam zu bleiben und nicht aufzuhören, kontinuierlich zu testen.“ (sh)