Interview mit Albrecht Betzold

'Manchmal hilft nur einreißen, abfackeln, wegschmeißen'

Welche ‚Karriere‘ hat das Thema Digitalisierung bei Ihnen gemacht?
Wir kommen aus dem klassischen Versandhandel, sind aber schon seit 1999 mit eigener Website bzw. Webshop aktiv. Seitdem sind wir auch mal falsch abgebogen und haben hier und da einen Rückschritt gemacht, beispielsweise durch Einsatz des falschen Shopsystems.
Das gehört aber auch dazu.
Den Digitalisierungsturbo eingelegt haben wir 2015. Seitdem sind wir nicht nur mit dem richtigen System und Partnern unterwegs, sondern haben uns intern stark umgestellt mit einer agilen Strategie.

Was heißt ‚agil‘ in Ihrer Unternehmens­praxis?
Wir beschäftigen uns mindestens zehn Prozent unserer Zeit mit Ideen, die sich nicht mit dem eigenen Geschäftsmodell befassen. Das Ziel ist, in Potenzialen zu denken: Was könnte ich tun mit dem, was ich kann? Wenn wir also schon Möbel produzieren können, können wir tausende Möbelvarianten erfinden und an passende Plattformen andocken.
So haben wir beispielsweise angefangen, eigene Schulmöbel zu bauen, anstatt fremde zu verkaufen. Wir haben nun eine eigene Möbelfabrik, zu der auch noch eine Fertigung für Kunststoffspitzguss hinzukam, was im Versandhandel eher untypisch ist.

Wie verankern Sie Digitalisierung personell?
Digitalisierung ist Chefsache, Abteilungsleitersache, Teamleitersache, Mitarbeitersache. Sie passiert in beide Richtungen und von beiden Richtungen. Als Chef ist man Treiber. Fast wichtiger ist es aber, dass ich denjenigen Rückendeckung gebe, die es tun und/oder neue Ideen einbringen.
Als wir beispielsweise den letzten Wechsel des Shopsystems hatten, hatte ich ein anderes System präferiert als die ECommerce-Mitarbeiter, die sich letztlich durchgesetzt haben. Und ich bin unglaublich froh darüber.

Einen CDO einzusetzen, ist demnach nicht sinnvoll?
Der Begriff des CDO ist - ebenso wie Digitale Transformation - eine Worthülse. Das hat immer den Charakter von ‚Wir machen das jetzt und fertig.‘
Digitalisierung ist kein einmaliger Akt, sondern muss die Grundlage der Unternehmens-DNA sein. Sie ist letztlich nur Mittel zum Zweck, um Ideen umzusetzen. Immer wenn Digitalisierung zum Selbstzweck wird, wird sie zum Problem. Nach dem Zitat: Wenn man einen Scheißprozess digitalisiert, hat man einen digitalen Scheißprozess.
Die meisten sinnvollen Impulse zu Digitalisierung bekommt man‚bottom up‘: Die Leute stellen fest, dass sie durch Technik ihre Zeit effizienter nutzen können.

Was war bisher Ihr größter Aha-Effekt in Zusammenhang mit Digitalisierung?
Vor gut vier Jahren haben wir - nach schlechten Erfahrungen mit einem Shopsystem - ‚Projekt Phönix‘ gestartet und alles einmal abgefackelt, eingerissen und neu gemacht. Im Zuge dessen haben wir alle 25.000 Produkte und Artikel, die wir haben, einzeln angefasst, Warengruppen zugeordnet und getaggt - nach Höhe, Breite, Länge, Material, Farbe, Verwendungszweck, Anwendergruppe etc. Das Produktmanagement wurde damals drei Monate eingefroren und keine Produktneuheiten gelistet.
Es war ein echter Kraftakt, einen kompletten Produktdatensatz zu schaffen. Gleichzeitig haben wir das Shopsystem komplett neu gemacht und sind in eine Agilität übergegangen, dass wir nicht mehr in Relaunches denken, sondern in Zwei-Wochen-Sprints und dreimonatlichen Mini-Relaunches. Der Aha-Effekt dabei: Es funktioniert nichts, aber überhaupt nichts, wenn man ein Projekt nur halb macht oder mit Zwischenlösungen arbeitet. Man muss radikal rangehen.

Was würden Sie heute anders machen?
Früher anfangen! Die Denkweise der Radikalität und Agilität hätten wir schon vor 15 Jahren aufbauen sollen, dann wäre vieles leichter gefallen.

Wie digital ist Ihr persönliches Leben?
Nicht so digital in der Hinsicht, dass ich das Smartphone nicht auch mal zur Seite legen kann. Vielmehr ist es die Denkweise mit agiler Strategie und Potenzialdenken, die mich nicht loslässt. Ich frage mich bei den meisten Dingen, welche Auswirkungen sie auf unser Geschäftsmodell haben.

Und wie schalten Sie mal ab?
Digital Detox funktioniert für mich am besten beim Besuch von Heavy-Metal-Festivals. Wobei das Potenzialdenken noch nicht einmal dabei aufhört, denn inzwischen ist Betzold Sponsor des Summer Breeze Open Air Festivals, wo wir auch Recruiting betreiben.

Sie rekrutieren auf Heavy-Metal-Festivals?
Als Online-Händler braucht man ITler und die hören Heavy Metal. Deshalb gibt es für unsere Mitarbeiter als Goodie kostenlose VIP-Upgrades auf ihre Summer-Breeze-Tickets.

Was erwarten Sie in Zukunft von dem Thema Digitalisierung?
Das, was sich in den letzten zehn Jahren durch das Smartphone verändert hat und wie es die Gesellschaft umgewälzt hat, wird in den nächsten fünf Jahren nochmal so radikal passieren. Durch Robotik, Künstliche Intelligenz und Sprachsteuerung. Für uns hat das intern einen positiven Impact: Wir können viele Prozesse vereinfachen.
Auf der anderen Seite verändern sich die Kundenansprüche radikal. Amazon verändert E-Commerce ständig. Es besteht ein hoher agiler Anspruch an uns, das bedeutet, dass wir künftig noch weniger Ruhe haben werden als jetzt schon.
Zuletzt habe ich folgendes Zitat gehört: Deutschland hat das Potenzial in zehn Jahren zum Entwicklungsland zu werden. Das müssen wir sehr ernst nehmen.